Wer im Berufsleben spurtstark unterwegs ist, muss ständig kantig entscheiden und seine Positionen immer wieder kompromissfrei vertreten. Viele Karriereleute tun das mit Inbrunst. Dass sich dann jedoch gelegentlich ein Weg als der falsche, eine Entscheidung als unrichtig herausstellt, liegt in der Natur der Sache: Wer macht, macht Fehler.
Nicht schlimm, sofern sie dann genauso inbrünstig zugegeben und in all ihren Konsequenzen vertreten werden. Das allerdings tun nur wenige. Die meisten lauten Fehlermacher werden stattdessen lieber über Nacht zu leisen Unter-den-Teppich-Kehrern, und solch eine Verwandlung erscheint uns allen dann regelmäßig so wundersam wie unverständlich
Der Chefredakteur der „Zeit“, Giovanni di Lorenzo, macht in seinem Berufsleben vieles gut und richtig aber eben auch nicht alles: Sein Interview-Buch „Vorerst gescheitert“ mit Karl-Theodor zu Guttenberg war Ende vergangenen Jahres verheerend angekommen. Es herrschte die Meinung, solch ein Buch käme viel zu früh, di Lorenzo sei sogar der Steigbügelhalter des Barons auf dem Weg zurück ins Rampenlicht. Damals noch bezeichnete er die Kritik als „scheinheilig“ und wollte nicht erkennen, was da schiefgelaufen sein könnte.
Inzwischen jedoch herrscht Klarheit. Giovanni di Lorenzo hat den klaren Schritt zurück nach vorn gemacht und jüngst bekannt: „Das Buch war ein Fehler, den ich bereue.“ Was ihn damit von vielen anderen unterscheidet, ist die Einsicht, dass „man als Journalist nicht den Tugendbold spielen darf, ohne jemals über die eigenen Fehler zu reden“.
Als Journalist darf man das nicht, als normaler Mensch genauso wenig: Wer – gern nach einer angemessenen Zeit der Reflexion – zu der Ansicht gelangt, dass eine Tat, ein Wort, eine Unterlassung schlicht und ergreifend falsch war, sollte sich nicht grämen. Es passiert allen, landauf, landab, jeden Tag. Er sollte jedoch den Mut haben, die Sache klar und deutlich und ohne
Wenn und Aber richtigzustellen.
Hier sind für den, der derart handelt, viele emotionale Punkte zu machen – beim eigenen Gewissen genauso wie bei Kollegen und Arbeitgebern. Das vergessen die bestimmt genauso wenig wie alles andere, was als Flurfunkfutter dienlich ist. Und wer dann meint, das Eingeständnis eines Fehlers sei eine Schwäche, dem sei hiermit mitgeteilt, dass solch eine Schwäche nichts Feineres ist als die neue Stärke.
Wer im Berufsleben hoch hinaus will, sollte darauf achten, dass er ganz zum Schluss – wenn es Ruhm und Ehre einzusammeln gilt – tatsächlich ganz oben auf dem Gipfel steht. Den schönsten Blick zurück auf eine veritable Karriere hat man nämlich nur von dort. Nicht dass ein paar Meter vor dem Ziel das Seil reißt, und der ganze Aufstieg ist für die Katz. Dann bleibt Scheitern in Erinnerung und nicht das viele vorher gut Gelungene.
Bei der starken Marke Josef Ackermann – er polarisiert wie sonst kein Wirtschaftsboss – reißt das Seil gerade: Was war das für eine schöne Karriere bei der Deutschen Bank! Der Victory-Zeichen-PR-GAU während des Mannesmann-Prozesses war überwunden, die Wogen der Kirch-Klage hielten sich in Grenzen. Aber jetzt wechselt Ackermann doch nicht auf den Aufsichtsratsvorsitz, offiziell begründet mit den „extrem herausfordernden Verhältnissen auf den internationalen Finanzmärkten und im politisch-regulatorischen Umfeld“.
Inoffiziell liegen die Gründe auch in der Durchsuchung der Vorstandsetage durch die Staatsanwaltschaft; es geht um angebliche Falschaussagen im Kirch-Prozess. Zudem untersagt der zwar freiwillige, aber in Zeiten wie diesen immer ernster zunehmende Corporate-Governance-Index der deutschen Wirtschaft einen sofortigen Wechsel von der Vorstands- an die Aufsichtsratsspitze. Was wird uns allen nun von Ackermann in Erinnerung bleiben – Erfolg oder Scheitern?
Starke Marke ist immer das, was man hinter dem Rücken ihres Trägers über ihn erzählt. Auch deshalb ist es wichtig, nicht nur den nächsten, sondern ebenso die übernächsten Karriereschritte zu planen. Und auf dieser Grundlage wahre, schöne, gute Taten
zu vollbringen. Danach kann man gern drüber reden – aber bitte nicht umgekehrt! Zudem sollte man stets seinen persönlichen Gipfel im Auge behalten. Und der muss kein Achttausender sein: Wer einen etwas niedrigeren auswählt und ihn dafür auch erreicht, kann später wenigstens sagen, dass er es tatsächlich geschafft hat. Und wir anderen sagen das dann auch.
Diese Kolumne von Jon Christoph Berndt® erscheint jeden vierten Samstag im Hamburger Abendblatt.
Best Human Brands Awards® 2011: Award-Initiator Jon Christoph Berndt im Interview mit dem Schirmherrn Prof. Dr. Dr. h.c. Simon, Chairman von Simon-Kucher & Partners in Bonn:
Jon Christoph Berndt®: Welche Eigenschaften sollte eine wirklich starke Marke heutzutage haben, damit sie dauerhaft am Markt besteht?
Prof. Hermann Simon: Die wichtigste Eigenschaft ist die dahinterstehende Substanz, das heißt der echte Kundennutzen des Produktes oder der Dienstleistung. Ohne einen solchen echten Nutzen kann keine Marke dauerhaft am Markt bestehen. Das setzt übrigens Anpassungen und Innovationen voraus. Seit langem etablierte Traditionsmarken wie Persil, Nivea oder Aspirin haben heute eine ganz andere Zusammensetzung als vor 100 Jahren. Aber das Qualitätsversprechen ist geblieben und wird gehalten. Das alles ist nur eine notwendige Bedingung für dauerhaften Markenbestand. Hinzukommen muss eine sowohl glaubhafte als auch effektive Kommunikation.
Inwiefern kann auch ein Mensch eine solche nachhaltig starke Marke sein?
Wenn man diese Kriterien anlegt, ohne dabei die grundlegenden Werte aufzugeben, dann kann eine Person natürlich zu einer dauerhaften Marke werden. Ich glaube aber, dass hier ähnlich wie beim Produkt gilt, dass die Marke aus dem inneren Kern der Persönlichkeit erwächst. Ein Rollenspieler oder Populist mag das Publikum eine Zeitlang täuschen können, aber „die Wahrheit ist der Zeit Tochter", wie ein altes deutsches Sprichwort sagt. Zu einer nachhaltigen Human Brand wird nur eine Person, die echt ist und die in ihrem Kern so ist, wie sie sich darstellt und wie sie wahrgenommen wird.
Sie sind Autor des Fachbuch-Klassikers „Hidden Champions des 21. Jahrhunderts“: Gibt es auch – abseits der immer genannten klassischen „VIPs“ und „Prominenten“ – Hidden Human Champions des 21. Jahrhunderts?
Das ist ein gewisser Widerspruch – allerdings nur auf den ersten Blick. Die Hidden Champions sind Spitzenunternehmen, aber dem breiteren Publikum kaum bekannt, also für den Mann von der Straße nicht gerade "Marken". In ihren oft engen Zielmärkten sind sie allerdings Marken mit meistens herausragender Stellung und Reputation. Und solche menschlichen Hidden Champions gibt es in der Tat. Ich bin manchmal erstaunt, wenn ich in bestimmte Branchen, Gesellschaftskreise oder Regionen komme und dann auf Persönlichkeiten treffe, die in diesem jeweiligen Segment eine hohe Reputation besitzen, ohne dass ich vorher von ihnen gehört hätte. Das gilt für Gesellschaftsbereiche wie Kirche, Sport, Kunst und Musik oder auch für Regionen. Es handelt sich dabei um Personen, die sich auf ihr spezielles gesellschaftliches Feld konzentrieren, dort sehr erfolgreich arbeiten, jedoch keinen Wert auf darüber hinausgehende Bekanntheit und Reputation legen. Und mit dieser Strategie gleichen sie den Hidden Champions. Manchmal, wenn auch seltener, gilt das sogar im internationalen oder globalen Maßstab.
Wie muss eine solche Human Brand beschaffen sein?
Ich rede hier einmal nur von positiv besetzten Human Brands. Notwendige Bedingung ist der Kern der Person. Das kann eine bestimmte hohe Kompetenz sein, eine ausgeprägte Charaktereigenschaft, oder ein ungewöhnliches Erscheinungsbild. Es muss eine Ausstrahlung, ein Charisma hinzukommen, wobei man das auf keinen Fall mit introvertiert vs. extrovertiert verwechseln darf. Auch introvertierte Personen können ein starkes Charisma besitzen, das sich aber eben nicht über große Worte oder populistisches Auftreten zeigt, sondern über eine Art stille Ausstrahlung. Und: Der Aufbau von Marken dauert lange, deshalb müssen sowohl der Kern als auch die Kommunikation eine hohe Kontinuität aufweisen.
Haben Sie einige Beispiele für solche Persönlichkeiten, und was zeichnet sie aus?
Mutter Teresa war und ist eine herausragende Persönlichkeit. Sie hat nicht nur ihr eigenes Leben den Armen von Kalkutta gewidmet, sondern, um mit Augustinus zu sprechen, die Flamme, die in ihr brannte, auch in anderen entzündet und einen Orden gegründet. Aber sie hat auch effektiv kommuniziert, sonst würden wir sie nicht kennen. In der Politik sehe ich Helmut Schmidt als eine prägnante Human Brand. Er ist seinem Pragmatismus stets treu geblieben, hat klare Worte gesprochen und wird immer noch gehört. Im Sport sind Beckenbauer und Pelé gute Beispiele. Sie blieben stets dem Fußball treu, haben es dabei geschafft, ihre Kompetenzen altersgemäß immer auf neue "Fußballfelder" (Trainer, Organisation von Weltmeisterschaften, TV-Kommentierung) auszudehnen und dort Akzeptanz zu finden. Michael Schumacher dürfte hingegen das wenig erfolgreichen Comeback seiner Human Brand eher geschadet als genutzt haben. Eine Human Brand muss sich der unvermeidbaren Alterung des Individuums anpassen. Sean Connery ist hierfür ein schönes Beispiel – und natürlich Mario Adorf.
In wenigen Worten: Welcher ist der nachhaltige Beitrag zur Gesellschaft der Human Brand Prof. Hermann Simon?
Ob ich einen nachhaltigen Beitrag hinterlasse, müssen andere und später Lebende beurteilen. Ich hoffe, dass das von mir gegründete Beratungsunternehmen Simon-Kucher & Partners auf Dauer bestehen bleibt, gute Arbeit leistet und attraktive, hochqualifizierte Arbeitsplätze bietet sowie seine weltmarktführende Position in der Preisberatung dauerhaft behaupten kann. Ich würde mich natürlich auch freuen, wenn meine zahlreichen Beiträge zum Thema Preismanagement keine Eintagsfliegen blieben. Für mich selbst erstaunlich ist, dass sich das Thema „Hidden Champions“ seit 25 Jahren hält und immer wieder auf Interesse stößt. Das zeigt sich vielleicht am deutlichsten an den nicht wenigen Nachahmern, die im Laufe der Jahre auf diesen Zug aufgesprungen sind. Mal sehen, ob das Thema dauerhaft Bestand hat. Zumindest der von mir geprägte Begriff "Hidden Champions" scheint ja in die deutsche und andere Sprachen eingegangen zu sein.
Die Best Human Brands Awards® 2011 werden von der brandamazing: Markenberatung, München, und Human Branding am 23. November 2011 in Düsseldorf verliehen an Andrea Petkovic, Mario Adorf, Ina Müller und Ernst Prost. www.brandamazing.com www.human-branding.de
Pressekontakt: Anna Weileder, Fon 089 2158186-13, weileder@brandamazing.com
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